Hexenjagd 2.0 – Von Enten und Tech-Boys

„Witch hunt“. Wer derzeit vor allem amerikanische Politik und zeitgenössischen Wahnsinn verfolgt, hat diesen Ausdruck mittlerweile schon so häufig gehört, dass er bestimmt zum Unwort des Jahres 2017 gewählt wird. Sei es aus Donald Trumps entenlippigem Quasselmäulchen oder vonseiten des Men’s Rights Movement, das sich in letzter Zeit besonders in Tech-Kreisen formiert. Je mehr man sich diese Hexenjagd-zentrierten Aussagen zu Gemüte führt, desto tiefer dringt man in die bedenkliche Psyche eines Zeitgeistes ein, der irgendwie vermuten lässt, dass sich weniger verändert hat als viele nach wie vor (ja, auch jetzt noch) gewollt sind zu glauben oder zuzugeben.

Männer ohne Geschichte

Bei all dem tritt, wie so häufig, wenn es um eigentlich prekäre Themen wie Sexismus, Rassismus, Nationalismus oder andere fiese -ismen geht, eine auffällige Geschichtsignoranz bzw. -verdrehung auf den Plan, die sich mit dem Begriff der ‚fake news‚ und und allen möglichen ‚Anti‘-Bewegungen (Anti-Feminismus, Anti-Humanismus, Anti-Menschenverstand) gut verträgt. Ich möchte nicht behaupten, dass die moderne Geschichtsschreibung nicht auch den einen oder anderen Makel aufweist, doch ein Verdrängen und Leugnen geschichtlicher Begebenheiten, die noch lebende Zeitzeug_innen miterlebt haben und, nun ja, bezeugen können, sowie Phänomene, die – außer weißen reichen Männern in Machtpositionen – viele Menschen auf dieser Erde tagtäglich erleben müssen, verdutzt doch sehr. Und noch mehr verdutzt, dass dieses Verfahren funktioniert. Ein stures, wenn auch zugegebenermaßen verzweifeltes „Ich glaube das, was ich glauben will!“ genügt wieder Vielen (steht so bestimmt auch irgendwo in der Bibel.)

Es ist auffällig, dass es in letzter Zeit (wieder) hauptsächlich reiche Männer in Machtpositionen sind, die sich als Opfer einer sogenannten ‚Hexenjagd‘ stilisieren. Was eine ziemlich perfide und höchst ignorante Aussage und Ansicht ist, wenn man ein paar Minuten über den historischen Begriff der Hexenjagd nachdenkt. Die Hexenjagd, insbesondere im 15. und 16. Jahrhundert, war eine der grausamsten Ausprägungen des Patriarchats und seiner Misogynie, von hauptsächlich Männern am oberen Ende der klerikalen oder politischen Hierarchie betrieben, die unliebsame Frauen als Hexen verfolgten, folterten, verbrannten, erhängten oder auf andere grausame Weise in den Tod schickten. In Deutschland fielen in fast 3 Jahrhunderten ca. 26.000 Frauen dem gender-motivierten Morden der großen Hexenjagd zum Opfer.

Hexen wurden auf ganz gewitzte Art und Weise sogenannten Hexentests unterzogen – stets niet- und nagelfest natürlich, da stets den neuesten wissenschaftlich fundierten Methoden entsprechend. Wir danken dem religiösen Aberglauben und dem frühen ‚Rationalismus‘! Die Bibel der Hexenjäger war der sogenannte ‚Hexenhammer‚ – ein Buch, das den Soundtrack zur institutionalisierten Misogynie und die ‚rechtliche‘ Grundlage für sämtliche Hexenprozesse lieferte. Dank des Buchdrucks konnte es sich massenhaft verbreiten und Hinz und Kunz das Zeug zum Jäger mitgeben.

Da gab es die ‚Wasserprobe‘ (auch Hexenbad genannt): Ging man unter, wenn Arme und Füße zusammengebunden und man an einem Seil in tiefes Gewässer abgelassen wurde: tot, aber immerhin keine Hexe. Wäre sie später aber bestimmt noch geworden, also alles richtig gemacht, yeah! Ging die Dame nicht unter, war sie sowieso eine Hexe. Die bestechende Logik hinter all dem war: Hexe = leicht, da: muss fliegen können, ergo: falls Hexe vorhanden, geht diese nicht unter. Das ist nicht nur Unlogik vom Feinsten, sondern auch noch Grausamkeit vom Schlimmsten. Aber da es weniger Männer getroffen hat (die sind ja wie man weiß weniger bewandt im Kochen giftiger Suppen), war das anscheinend schon irgendwie in Ordnung.

Die Maffia hat sich übrigens später dieses Wissen, dass nicht nur Hexen auf diese Weise untergehen und ertrinken, zu Nutzen gemacht und noch durch einen Betonanbau an den Füßen zunutze gemacht.

Oder auch die Wägeprobe: Wer leichter war als eine Ente, war eine Hexe. Wer schwerer war, hatte die Waage verhext. Niet- und nagelfest! Monty Python haben in Monty Python und der Heilige Gral (1975) die bis dato beste Parodie eines solchen Tests erbracht, in dem sie eine Frau gegen eine Ente aufwiegen lassen.

Gerne wurde auch zur Feuerprobe gegriffen: Man lasse die Frau ein glühendes Eisen tragen oder mit verbundenen Augen barfüßig über glühende Kohlen laufen. Waren am nächsten Tag Verletzungen vorhanden: Hexe! Falls nicht: rechtschaffene Bürgerin! Logisch, darauf ein Abrakadabra!

In diesem Zusammenhang betrachtet kommt ein gewisses Geschmäckle auf, wenn Herren wie Trump oder Netanjahu vehement darauf beharren, dass sie Opfer einer Hexenjagd seien.

Oder wenn Woody Allen, dem selbst Vorwürfe sexuellen Missbrauchs vonseiten seiner Tochter anhaften, den neuen Ober-Creep Harvey Weinstein in Schutz nimmt, indem er davor warnt, die öffentliche Bloßstellung Weinsteins nicht in eine Atmosphäre der – richtig geraten – Hexenjagd à la berühmten Hexenprozesse von Salem kippen zu lassen. 14 der ingesamt 20 in diesem Prozess des 17. Jahrhunderts verurteilten und anschließend hingerichteten Personen waren Frauen – der Vergleich hinkt also auch hier.

Oder weiße Tech-Boys, die sich von der ‚fiesen Chefin‘, die als Nichtskönnerin und Quoten-Frau hingestellt wird, diskriminiert fühlen, wenn sie ihr nicht an den Arsch grabschen dürfen. Unverschämt, lästig, soll wieder hinter den Herd! Aus Silicon Valley sind in der letzten Zeit ganz schön grauselige Geschichten zu vernehmen (‚kink rooms‘ in Büros, mit denen sexuelles Verhalten gefördert werden soll, arme männliche Mitarbeiter, die sich vor lauter Sexiness der Kolleginnen nicht konzentrieren können uvm.), die nicht nur zeigen, dass Frauen in diesem Bereich nicht nur nach wie vor unterrepräsentiert sind, sondern auch, warum ein solches Umfeld von ihnen vielleicht gemieden wird (nein, es liegt nicht daran, dass unsere Gehirne zu klein sind, das würde, wie manch Klerikaler in Saudi-Arabien uns dankenswerterweise offengelegt hat, dazu führen, dass wir kein Auto fahren können).

Tech-Boys und die Verschwörung der Personalabteilungen

Die Mgtwo-Community (kurz für Men Going Their Own Way) ist beispielsweise eine der Ausgeburten des Diversity-Backlashs, der in Silicon Valley immer mehr an Fahrt gewinnt und den Begriff der Hexenjagd für sich entdeckt hat. Dort tauscht man sich über Themen wie „Schon mal für eine Frau gearbeitet? Krempel die Ärmel hoch und teile deine Horror-Geschichte“ aus oder gibt in Hinblick auf Dating gerne der Rat, jegliche Bindung tunlichst zu vermeiden – propagiert wir der totale Separatismus der Männer. Inklusion adé. Diversity goodbye. Hexenjagd beendet. Tech-Horror mal anders. Im Hexenhammer kann man übrigens nachlesen: „Was ist das Weib anders, als die Feindin der Freundschaft, eine unentrinnbare Strafe, ein notwendiges Uebel [sic!], eine natürliche Versuchung, ein wünschenswertes Unglück, eine häusliche Gefahr, ein ergötzlicher Schade, ein Mangel der Natur, mit schöner Farbe gemalt?“ Stilistische Ähnlichkeiten lassen bald eine Neuauflage im eBook-Format erahnen.

Wie Alexandra Petri in ihrem verschmitzten Artikel für die Washington Post einwandfrei festgestellt hat, wurde jedoch, soweit bekannt, keiner dieser Herren bisher soliden Hexentests unterzogen, ergo: keine Hexenjagd. Sorry, Mr. Trump. Sorry Woody. Es tut mir leid, Teach Boys.

Angesichts einer neuen Rechts-Links-Debatte, bei der altgewohnte Einordnungen sich langsam aber sich auflösen und Links (das ‚alte‘ Links) sich durchaus den Vorwurf gefallen lassen muss, zu lange zu vielen abweichenden Meinungen über den Mund gefahren zu sein, wird man das Gefühl nicht mehr los, im Regen zu stehen. Unterbuchse und Socken sind durchnässt, und der politische Geist und Antrieb zur Debatte irgendwie auch. Mehr und genaueres Hinhören ist sowieso super, doch müssen zudem die so plötzlich erschienenen und doch recht ungewöhnlichen Verfechter des Prinzips der Redefreiheit endlich verstehen, dass free speech und hate speech zwei verschiedene Paar Schuhe sind. Wenn Frauen endlich Schluss machen wollen mit einem systematischen Sexismus am Tech-Arbeitsplatz, der sie jahrzehntelang benachteiligt und aus Berufen ferngehalten hat, die sie vielleicht gerne ausgeübt hätten, dann ist es jetzt an ihrer Zeit aufzuholen, egal wie groß die Angst derjenigen, die eigentlich alles haben, was man zum Leben braucht (und noch mehr), und dort Diebe sehen, wo es gar keine gibt. Privilegien müssen aufgegeben werden, keine Frage, doch wer die Debatte immer wieder auf ökonomische und materielle Füße stellt, verliert zwangsläufig den Boden unter den Füßen.

Es ist richtig, dass sich so manch einer jetzt dafür schämt, einen solchen Humbug zu äußern, wie dass es biologische Gründe für die Gender Gap im Tech-Bereich geben könnte. Da mit Darwin zu argumentieren (wie Start-Up-Investor John Durant), holt den alten Hut des Sozialdarwinismus‘ aus der Mottenkiste, den nicht Darwin, sondern Diktatoren erfunden haben.

Wenn man auch noch so sehr nach darwinistischen Begründungen für den eigenen Sexismus sucht, so werden sie doch nicht wahr und machen schon gar nichts besser. Wer auch nach 1.000 Diversity-Seminaren noch nicht verstanden hat, dass es Zeit ist, an sich selbst und anderen gegenüber diskriminierenden Einstellungen zu arbeiten, muss, so haben Mama und Papa es mir schon beigebracht: mit den Konsequenzen leben. Die Idee, dass es das Ziel von Feminist_innen sei, Männer zu ‚unterwerfen‘ oder gar durch eine moderne Hexenjagd zu dezimieren, offenbart mehr über die Denkweise und Weltansicht derjenigen, die solche Äußerungen hervorbringen und unterstützen, als über den Feminismus.

Solange Tech-Misogynisten und Geschichtsverdreher nicht gegen Enten aufgewogen werden, solange keiner „Heureka“ schreit, wenn Männer untergehen, wenn man sie versenkt, solange die Gejagten noch die Gejagten und die Jäger nach wie vor die alten Hasen sind, möchte ich den Begriff ‚Hexenjagd‘ nicht mehr hören. Obwohl das Geschnatter ja doch einem Gänse-Vergleich standhalten würde.

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s