Die Köttel der Trolle

Wenn aus hässlichen Fabelwesen hässliche Hater werden und man sich Redefreiheit irgendwie anders vorgestellt hat.

Wer wie ich im Social-Media-Bereich arbeitet, wird mir wahrscheinlich zustimmen, dass man so ziemlich nach einer Woche von jeglichem Idealismus geheilt ist und verdutzt – und heimlich – feststellt: Es gibt sie, die Stereotype. Nun ist das ja an sich zum einen nichts wirklich Neues und zum anderen auch nichts pauschal Schlimmes. Das Problem: Man muss den Job wahrscheinlich länger als eine Woche machen. Und je häufiger man diesen Stereotypen per Copy-Paste eine Standard-Antwort aus dem Spreadsheet „Standard-Antworten“ servieren muss, desto nerviger werden sie. Der Tag fängt so immer gut an.

Ich bin wirklich kein Fan von Schubladendenken oder pauschalen Generalisierungen (das sind gefährliche Biester, die sich meiner Meinung nach super für Humoristisches, jedoch nicht viel Anderes gebrauchen lassen). Da das Brot jedoch schon gebrochen ist, kann ich die Stereotypen-Butter jetzt auch auf draufschmieren – weil ein paar Dinge gesagt werden müssen, die bei der Heilung behilflich sind, und Brot ohne Butter weniger flutscht.

Da gibt es den Self-Promoter, der es unerträglich findet, dass man Facebook zu Werbezwecken verwendet und dann gleich seine eigene kleine Anzeige hinterherschaltet (maximale Reichweite bei minimalem Aufwand).

Da gibt es außerdem den Besserwisser (Klassiker!), der die Sache, um die es sich handelt, schon betreibt, seit er 4 ist, große Passion, Sinn des Lebens, ergo super viel Knowledge auf dem  Gebiet. Dass das jedoch auch bedeuten kann, dass die Sache seit dem Alter von 4 Jahren eher schlecht als recht betrieben wird, wird zurück in’s vierte Lebensjahr verdrängt. Fakt ist: Kann von jeder und jedem behauptet werden. Ich habe auch mit 2 angefangen, Nietzsche zu lesen und Gott infrage zu stellen. Lässt sich im Falle relativer Anonymität schwer überprüfen, gell?

Weiter geht’s mit dem Anti-Tech-Helden, der für die Menschheit an sich eintritt – der Glaube in die Menschheit ist hier noch voll intakt und es besteht aus unerfindlichen Gründen die Überzeugung, dass wir Menschen irgendwie alles super toll machen, auch wenn früher alles noch ein bisschen besser war. Bei dieser Sorte muss ich immer an einen ehemaligen Kommilitonen denken, der mir (und das ausgerechnet in einem Seminar zu Gender Studies) die Fleisch-und-Blutlichkeit des Stereotyps so grell wie noch nie jemand zu vor demonstriert hat: schwarzer Rollkragenpullover, Kernfach Philosophie, Spitzen-Zitat: „Ich bezeichne mich selbst als Marxist“. Er hat weiblichen* Seminarteilnehmer_innen gerne das Wort abgeschnitten und wahrscheinlich noch nie ein Fabrik von innen gesehen. Die guten alten Zeiten.

Doch alle harmlos, im Gegensatz zu dem, der echt allen das World Wide Web verdorben hat: dem Hater.

Ich schreibe hier übrigens dezidiert in Hinblick auf männliche* User, da mir in fast einem Jahr als Erzieherin im Facebook-Kindergarten – und das ist die reine Wahrheit – ganze zwei Kommentare von Frauen über den Weg gelaufen sind. Kein Wunder, wenn man für ein Tech-Startup arbeitet, dessen Zielgruppe Männer zwischen 25 und 35 sind und dessen Userinnen im Facebook-Report mit 1% angegeben werden. Ein Umstand, der an sich schon zu bemängeln ist und irgendwie nicht so ganz das widerspiegelt, was man gerne hätte (noch 100%ig dem wahren Leben gerecht wird). Keine Frage: zum Hater kann absolut jede_r avancieren, egal welchen Geschlechts und und und, allerdings ist es extrem auffällig, dass sich ein gewisses Echte-Welt-Phänomen ziemlich deckungsgleich im Internet reproduziert hat.

Über das mit dem Internet in unsere tech-gestylten und vermeintlich moralisch modernisierten Leben eingezogene Phänomen des Cyber-Sexismus haben fantastische Autor_innen wie Laurie Penny, Anne Witzorek oder Rebecca Solnit bereits erhellend geschrieben und uns erschreckende Einblicke in das Leben als Frau* in der Netz-Öffentlichkeit geliefert, bei denen glasklar wurde, dass die im Internet hergestellte Anonymität – sei sie nun faktual oder nur angenommen – teuflisch-misogyne Fantasien an den Tag bringt, die uns ohne die Kommentar-Funktion im Internet wahrscheinlich nie den Kopf zerbrechen würde. Das kann man, was viele gerne tun, dem Internet per e-chalk ankreiden (da kann man auch Drogen kaufen, im Dark Web!), was jedoch meiner Meinung nach das Kind mit dem virtuellen Bade ausschüttet.

Das Internet mag Symptome eines fiesen Verbal-Virus‘ verdichtet zum Vorschein bringen, hat den Hater jedoch nicht zum Hater gemacht. Diesen ranzigen Hut, der so wirkt, als sei er aus eine modrigen Kiste in Omas Keller geborgen worden, dürfen wir uns Real-Menschen samt unserer althergebrachten Kommunikationsweisen schön selbst aufsetzen.

Da werden Frauen bedroht. Da werden die perfidesten Vergewaltigungsfantasien geteilt und auch gleich fleißig geliket. Da werden Videospiele kreiert, ihn denen man Frauenrechtler_innen grün und blau schlagen darf. Da darf Trump alles tweeten, was 140 Zeichen hergeben. Da dürfen nach wie vor viele Randgruppen nicht am Diskurs teilnehmen.

Woher also dieser ganze Hass, dieses Ego, diese Missgunst, die sich so (vermeintlich) anonymisiert und unschön zeigen?

Mittlerweile gibt es viele Studien, Doktorarbeiten und Artikel, die sich mit dem Thema Hass und Misogynie im Internet beschäftigen – und die Antwort könnte, wenn man gewillt ist, die Dinge simpel zu betrachten, auf den einsamen Schrei nach Aufmerksamkeit zurückgeführt werden. Ich muss zugeben, dass ich mir, auch nicht ganz frei von einer gewissen Aggressivität, die Egomanen und Fieslinge, die ihre Kommentare wir Köttel über die Auen des Internets verteilen, gerne sehr einsam, pickelgesichtig, übergewichtig und mit irgendeiner Art strohhalmigem Softdrink in der Hand vorstelle – nie sexuelle Eskapaden, nicht viel Liebe und noch weniger Anerkennung für irgendetwas gehabt oder bekommen, jedoch jeden Tag mit der Vorstellung bombardiert, dass sie darauf nicht nur Anspruch haben, sondern das auch alles haben müssen. Das hilft zwar dabei, die Nerven zu beruhigen, wenn man sich den ganzen Kot geben muss, doch natürlich stimmt dieses Bild – totales Stereotyp – nicht (so ganz).

Ich möchte damit nicht sagen, dass das Internet eine Aue des Friedens ist – es bietet durchaus den perfekten Nährboden für eine neue, enthemmtere Art des Bashings, doch ich halte es mit dem Internet wie, sagen wir dem Kommunismus: Es ist nicht das Rezept, das den Brei verdirbt, sondern Stalin.

Da ist viel von Rechten und Privilegien die Rede. Und da werden die beiden auch gerne mal verwechselt. Wenn jemand zum Beispiel behauptet, Musik zu machen sei ein Privileg und kein Recht – dann schwant einem schon Übles in Hinblick auf das Menschenbild, das einer solchen Aussage unterliegt (in’s Grundgesetz mit dem Recht auf’s Musikmachen, aber flott!). Ich darf das, du darfst das nicht – die Gründe sind meistens sehr schnell auszuhöhlen oder so verquer, dass man schon gar nicht mehr weiß, was man da noch sagen soll.

Wenn man sich die Social Media Absonderungen im Auftrag eines Unternehmens geben muss, ist die Kapitalismuskritik immer nur einen Enter-Tasten-Druck entfernt. Es ist eine interessante Art von Heuchelei, die sich da abspielt. Der große Hammer des Anti-Kapitalismus wird ausgepackt und mit Wucht geschwungen, allerdings wird diese gleichzeitig als absolute Selbstdarstellung und Beweihräucherung des eigenen Könnens, Wissens und vor allem Legitimierung zum Rechtsprechen genutzt. Wer Kapitalismuskritik mit der Aufforderung „Kill yourselves!“ verbindet, steht nicht nur nicht für eine ‚bessere Welt’ ein, sondern verdeutlicht ganz nebenbei auch, was da eigentlich alles schiefläuft. Kritik sollte immer sein, aber man tut ihr keinen Gefallen, wenn man da amateurhaft vorgeht.

Von all dem ist es nicht mehr weit bis zu dem Punkt, an dem man die Eliten-Kritik, die derzeit heftig en vogue ist, nachvollziehen kann – wenn viele Leute Sachen nicht dürfen, weil ihnen das Privileg dazu fehlt, dann ist was faul im Staate Welt.

Dieser Umstand – die einen haben die Privilegien, die nicht nur die anderen nicht haben, sondern die sich auch noch direkt auf die Rechte der anderen auswirken – lässt sich jedoch nicht einfach mir nichts dir nichts auf die ach so schöne Redefreiheit übertragen. Ein weiterer Begriff, von dem irgendwie alle demokratisch Gesinnten oder zumindest Aufgewachsenen wissen, dass er schwer wiegt, der jedoch mittlerweile zum Mittel gegen sich selbst instrumentalisiert wird.

Da werden offensichtlich für kommerzielle Zwecke gemachte Fotos gebasht – es ist doch sehr überraschend, wie ausgedehnt und passioniert sich Leute über eine auf einem Lautsprecher platzierte Topfpflanze auslassen können. Man könnte meinen, da gäbe es nicht nur besseres zu tun, sondern auch noch wichtigeres zu besprechen. Aber auch hier wird man irgendwie enttäuscht.

Auch nicht weit ist es von dort zu dem, was zwar nie weg war, wo uns seit Trump aber leider dauernd und überall die Nase reingedrückt wird: mächtige Männer mit Geld und Raketen.

Hauptsache phallisch, Hauptsache vollkommen und unfassbar gegen jeglichen Sinn und Verstand  – wenn’s knallt und dabei eine rohe, nach teurem Leder riechende ‚Männlichkeit‘ bewiesen werden kann, ist das schon Selbstzweck und Unterhaltung genug.

Übrigens: Auf dem englischsprachigen Wikipedia-Eintrag zu Trollen kann man lesen, dass Trolle in der nordischen Mythologie als Wesen beschrieben werden, die in einsamen Felsen, Bergen oder Höhlen leben und ‚den Menschen selten hilfreich sind‘. Da sage noch einmal jemand, Wikipedia sei keine zuverlässige Quelle für Schulaufsätze.

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