Wenn der Aufzug runterzieht (und was das Feierabendbier damit zu tun hat)

Warum sind eigentlich alle irgendwie so naja, frage ich mich manchmal schmunzelnd, und gleich danach, ob ich eigentlich auch irgendwie ein Arschloch bin.

17:30 Uhr, der Arbeitstag ist vorbei, das Büro kann verlassen, das Erwachsenenleben (zumindest bis morgen früh) hinter sich gelassen werden. Einen weiteren Tag erfolgreich vorgegeben zu wissen, was ich da tue und warum ich eigentlich Geld dafür bekomme!

Fahrrad aus dem Hinterzimmer holen (da riecht’s irgendwie unangenehm nach modriger Wäsche) und – zack! – raus aus der eigenen modernen Klimazone, in der Schwitzen nur noch als Hörensagen von primitiveren Zeiten an uns herangetragen wird.

Letzte Hürde: der Aufzug. 8 Stockwerke können einem in der After-Work-Rush-Hour vorkommen wie die Dauer der Fahrt zur Hölle (genauso heiß), und auf jedem Stockwerk steigt mehr Kummer ein und wiegt schwer.

Ich beginne auf dem letzten Stockwerk und bin daher der meiner Meinung nach berechtigten Meinung, ein gewisses ‘wer zuerst kommt, mahlt zuerst’-Gesetz in Anspruch nehmen zu dürfen. Das Fahrrad die Treppe herrunterzutragen wäre nicht nur, da das mit dem Sportmachen diesen Sommer irgendwie nicht so ganz geklappt hat (nächsten Sommer!), körperlich ein Ding der Unmöglichkeit, sondern zudem auch ein unnötiges temporäres In-die-Ferne-Rücken meines Feierabendbiers. Geht also nicht.

Daher: zack! – rein in den Aufzug. Riecht natürlich genauso unangenehm wie das Büro-Hinterzimmer – Memo an mich selbst: Übeltäter_in muss eine_r meiner_r Kolleg_innen sein. Könnte jedoch auch daran liegen, dass sämtliche in diesem Bürogebäude Tätigen tagaus, tagein ihr Mittagessen, schön praktisch in sperrigem und steinhartem Plastik verpackt, aus aller Herr_innen Läden um die Ecke durch den Aufzug in ihre Büros verteilen, was seine ganz eigene olfaktorische food fusion erzeugt.
Könnte auch daher stammen, dass manche Kids aus der Kita im vierten Stock irgendeine Windel zu lange anhatten. Aber auf die Kids wollen wir’s mal nicht schieben, denn sie wussten nicht, was sie taten.

Auf jeder Etage steigt nun jemand hinzu – auf Teufel komm’ raus, was nicht passt, wird passend gemacht. Große Augen, wenn die Aufzugtür aufschwingt und eine Horde an Mitfahrer_innen offenbart – auf den zweiten, weiter nach unten gerichteten Blick dann noch mehr, die Kids! Schnell jedoch weicht das Oha! einer ‘Ich pass‘ da noch rein, ich nehm‘ nicht den nächsten’-Mine – ich habe das Gefühl, ich bin nicht die Einzige, die sich auf ihr Feierabendbier freut und daher so manches (außer das Rad die Treppe herunterzutragen) in Kauf nimmt.

Das wird dann natürlich alles sehr eng (wieviele Kilo Maximalgewicht gibt der Hersteller an?) und es wird sich lautstark, in einer Glanzleistung des subtilen Den-erhobenen-Zeigefinger-Schüttels darüber unterhalten, dass Fahrräder ja so sperrig seien – auf dem Weg in die Tiefgarage, wo das domestizierte Auto freudig auf einen wartet.

Man wird gegen sämtliche Waden und Schenkel gequetscht und sagt für jedes Stockwerk mindestens einmal ‘Pardon’, was sich nicht nur irgendwie altmodisch anhört (selbst wenn man sich in einem französischsprachigen Umfeld befindet), sondern, mir kommt’s erst jetzt, bestimmt nicht die beste Strategie ist, die Aufmerksamkeit nicht auf sich zu lenken.

An ganz grellen Tagen kommt es auch schon mal vor, dass eine recht ambitiöse Aufzugswärterin nicht akzeptiert, dass andere auch Spaß am Knöpfedrücken haben (nein, die Rede ist hier nicht von einem der Kita-Kids). Positionierung in abwehrender Haltung direkt vor den Knöpfen, und schon wird jedem neu hinzusteigenden Fahrgast in generälischem Ton entgegengeschrien: „Welche Etage?“. Fester, bestimmter Knopfdruck, die eine oder andere Person wird ausgiebig und skeptisch beäugt. 

Und ich weiß es, ich WEIß es – alle denken es, sagen es mit ihren verzweifelten After-Work-Blicken: Ich bin diejenige, die das Schiff zum Sinken bringen, das Feierabendbier noch nötiger machen wird: die Fahrradfahrerin! Teufelszeug! Weiche! Wenigstens bin ich safe und habe einen Helm am Lenker baumeln.

Am Ende der Fahrt verdampft die Aufzugswärterin so schnell in die abendlichen Schwüle, wie sie aufmarschiert ist. Ein grelles Phantom des bürogebäudlichen Mikrokosmos‘.

Und immer noch kein Feierabendbier.

Da beginne ich mich zu fragen: Verbreite ich den Geruch, der so suspekt in allen geschlossenen Räumen hängt? Bin ich es, die den Platz im Aufzug zur kritischsten Stunde minimiert? Ist alles nur in meinem Kopf und niemand ist so wirklich naja?

Iwo, kann ja gar nicht sein!

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