Die grüne Hölle

Eine ungewollte Begegnung mit der Power der Microgreens.

Microgreens. Sie sind grün, mal mehr, mal weniger mikro und haben in den letzten Jahren einen immensen Aufschwung erfahren. Kohl scheint nicht mehr das Oma-Gemüse zu sein, bei dem man irgendwie gleich an Keller denken muss, sondern hat seinen Weg in die hippe Küche und den grünen Smoothie gefunden.

Microgreens sind das Gemüse der Großstädter_innen und werden hauptsächlich urban in sogenannten vertical farms ohne Erde und natürliches Licht angebaut. Eine super Innovation, wenn man bedenkt, dass es nicht nur immer mehr Menschen auf der Erde gibt, die es zu ernähren gilt, sondern dass die Bedingungen für den Feldanbau durch den Klimawandel immer weiter erschwert werden. Dürren machen potentielles Anbaugebiet unbrauchbar. Überschwemmungen zerstören ganze Jahresernten. Da ist es unabdingbar, sich Gedanken über eine Agrikultur der Zukunft zu machen. Die Ideen, Leerstand wie alte städtische Fabrikgebäude für den Anbau von Gemüse und Obst zu nutzen, ist lobenswert und durchaus brauchbar.

Doch was kommt nach der Theorie? Da ich zu der Gruppe der hippen Großstädter_innen gehöre, bekomme ich natürlich einmal wöchentlich eine grüne Kiste – hier in Montreal gefüllt mit lokalen Produkten und/oder auf ‚rooftop farms’ angebauten Microgreens. Vorige Woche habe ich nun den zugegebenermaßen interessanten Fehler begangen, den Inhalt meiner Kiste nicht selbst zusammenzustellen. Ein Fehler, der mir kein zweites Mal den Kühlschrank mit sämtlichen auf dem Bio-Lokal-Markt erhältlichen Microgreens vollstopfen wird.

Das Problem: Normalerweise sind die Microgreens die ersten Zutaten in der für mich im Voraus zusammengestellten Kiste, die per Mausklick entfernt werden. Und das hat seinen driftigen Grund, denn ich weiß einfach nicht so richtig: Was macht man denn mit Microgreens überhaupt? Sind das Salatzutaten?

Ich weiß weder, worauf genau sich das ‚micro’ da bezieht (wie das Assortiment in meiner Kiste zeigt, gibt es da auch ganz schön große Modelle), noch warum es so viele Sorten gibt, die sich doch irgendwie alle sehr ähnlich sehen. Isst man die Stängel oder die Blätter? Dippt man das, oder wird das schön angedünstet? Und ginge theoretisch auch eine andere Farbe als Grün?

Und natürlich: Können diese als ‚Power Food‘ angepriesenen Teile konkrete Nährwerte vorweisen, oder ist das wie mit dem Spinat, bei dessen Eisengehalt irgendwer das Komma verschoben und somit einen der größten Lebensmittelmythen überhaupt angezettelt hat?

So viele Fragen, da gibt es nur einen wahren Weg, um an die Antworten zu kommen: der große Microgreen-Test. Da trifft es sich gut, dass ich eine Kiste zu Hause stehen habe, aus der das Mikrogrün in prachtvollen, allen vorstellbaren Schattierungen nur so heraussprießt.

Ich öffne also meine Kiste und schaue, was die wüst-wachsende Welt der Microgreens so zu bieten hat. Der Nachmittag wird wild.

Was ergreift meine Hand als erstes? Rainbow Chard. Nicht so bunt, wie man es sich vorstellen möchte, come rain or shine. Satt machen tut’s auch nicht. Und das Wort Chard klingt irgendwie genauso ungeil wie Kohl.

Und was darf ich mir unter Siberian Kale vorstellen? Der Test zeigt: Schmeckt wie Rainbow Chard, auch wenn er minimale Unterschiede im Erscheinungsbild aufweist. Und macht noch weniger satt. Muss eine sehr sibirischer-Winter-feste Kohlsorte sein. Da muss man schon mal Abstriche machen.

Dann gibt es noch den Small Dinosaur Kale – hat weder Blätter in Dino-Form noch irgendein anderes interessantes Alleinstellungsmerkmal. Kohl ist ja generell wenig sexy und hat noch nie wirklich zu den glamourösen Gemüsesorten gezählt. Das mag einem seit dem grünen Super-Smoothie anders vorkommen, kann jedoch nicht gänzlich darüber hinwegtäuschen, dass Kale eben auch nur Kohl ist (wie ich nachlesen konnte, sogar nur eine ‚primitive‘ Form des Kohls, bei der es nicht gänzlich zur Vollendung zum Kohlkopf gereicht hat).

Der Green Butter Lettuce. Eine fiese Irreführung hier im Titel. Der Geschmackstest klärt auf: Heißt nicht so, weil er nach Butter schmeckt, sondern weil er Butter braucht. Daher aber dann auch für den veganen Verzehr gedacht. Ich gebe zwei Kohlköpfe von 5.

Dip-Fazit: Dippen kann man alles, vorzugsweise in Humus. Ratio: 1 Teil Microgreen, 3 Teile Humus.

Das End’ von der Geschicht’: Ich habe sämtliche Microgreens einfach mit viel Liebe und Wertschätzung für die Ironie der Situation kleingehackt. Manchmal bleibt einem einfach nichts Anderes übrig – es gibt nicht unendlich viele Wege aus der grünen Hölle. Und sie alle sind gepflastert mit scharfen Küchenmessern. Am Ende steht: das Gefrierfach.

Wie lange die Überreste des Gemetzels dort lagern werden? Wer weiß, das Gefrierfach ist geduldig. Und in die ‚grüne’ Kiste kommt so schnell nichts Grünes mehr.

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