Kentucky Fries Women

Nicht alles schmeckt frittiert besser, selbst in den USA.

Wenn es um Themen des subtilen Sexismus wie die Aufforderung zum „Immer schön Lächeln“, schlechte Blondinen-Witze oder das ‚Mansplaining’ – ein von der amerikanischen Feministin und Essayistin Rebecca Solnit inspirierter Begriff für ein weit verbreitetes Konversationsmodell zwischen älteren Herren und jüngeren ‚Fräuleins‘ –  geht, könnte man fast schon konstatieren: Darüber sind wir – perfide mag’s einem erscheinen – schon längst wieder hinweg.

Der neue weltmächtige Sexist und Orangologe Trump braucht schon gar nicht mehr den großen Protektionisten der Frauen zu ihrem eigenen Wohle zu spielen – das Wohl von Frauen stand noch nie offiziell auf Trumps Agenda, ganz im Gegenteil: International wird Organisationen und Projekten, die Abtreibungen anbieten oder unterstützen, der Geldhahn zugedreht, und in den eigenen vier Wänden wird Planned Parenthood, einer der größten und wichtigsten Anbieter für Frauenheilkunde, Beratung, Verhütung und Abtreibung in den USA, durch massive Streichungen öffentlicher Gelder Schritt für Schritt von Trump und seinen Sheriffs, allesamt ausgestattet mit den qualmenden Revolvern der halbautomatischen Misogynie, ausgehöhlt. Von freizügigem Pussygegrabsche, mit dem Trump auch noch wie ein pubertierender Jugendlicher mit Fläumchen über der Lippe prahlt, mal ganz abgesehen.

Doch Planned Parenthood ist nur eines von vielen laut schreienden Sorgenkindern, die, so hat sich einem schon längst erfolgreich der Eindruck aufgedrängt, auf Trumps Abschussliste stehen. So konnte die letzte in Kentucky verbleibende Abtreibungsklinik, das E.M.W. Women’s Surgical Center in Louisville, zwar vor kurzem dank eines Beschlusses des Justizministers von Kentucky einer Schließung gerade noch einmal knapp entkommen, doch das Gefühl bleibt, dass dies noch nicht das End’ vom Lied war – mehr schräge Töne flattern ja zuverlässig wie das verfrühte Abendessen bei Oma und Opa täglich aus dem weißen Haus.
Kentucky ist ein trauriges Paradebeispiel für moderne misogyne Gesetzgebung, die es zwar nicht nur in den USA gibt, dort jedoch insbesondere seit Trumps Amtsantritt (wieder) stark auf dem Vormarsch und – wenn auch hier und da durch ein paar maue und wenig überzeugende ‘Empörungsbekundungen’ aus den eigenen Reihen ‚gemaßregelt‘ – wieder absolut salonfähig ist.

Einiges dämmert einem bereits, wenn man Kentuckys Vergewaltigungs- und Abtreibungsgesetz im Vergleich betrachtet: Da kann ein_e Ärzt_in, die oder der eine illegale Abtreibung vornimmt (dazu zählt auch eine von der Frau gewünschte Abtreibung nach der offiziellen Frist von 30 Wochen), mit 5 bis 10 Jahren Gefängnis bestraft werden, während Vergewaltiger, die einen „First-grade sexual assault“ (alias Vergewaltigung im ‚klassischen’ Sinne) begehen, nur mit ein bis fünf Jahren hinter Gittern rechnen müssen – sofern das Opfer auch ja ‘glaubhaft’ darstellen kann, dass Bewusst- und Sprachlosigkeit (s. Cosby-Verfahren) keinen Konsens darstellen.

„Glaubhaft“ – so der angsteinflößende Term, der zusammen mit dem – man müsste meinen veralteten – Mythos der gewieften „femme fatale“, die von Mann zu Mann zieht, um – ausgestattet mit der mächtigsten Waffe der Welt: Sex – seinen Ruf zu zerstören und ihre dringend benötigte Aufmerksamkeit zu bekommen, vor Gericht und in den Medien stets alles stehen oder fallen lässt.

Beispiele für Frau(en) vs. ruhmreicher Mann gibt es zuhauf:

BBC-Moderator Jimmy Savile, der nach seinem Tod von insgesamt 450 (!) Mädchen, Frauen und Jungen des sexuellen Missbrauchs bezichtigt wurde.
Der ehemalige CEO von Fox News, Roger Ailes, der Frauen gezielt Karriere versprochen und dafür Sex gefordert haben soll – seine privaten Abfindungszahlungen an seine Opfer in Höhe von stolzen 13 Millionen US-Dollar sollen den Aussagen seiner Anwält_innen nach jedoch nichts mit einem Schuldgeständnis zu tun gehabt haben. Da bleibt einem ja dann nichts Anderes mehr übrig, als dem Mann zu seiner Großzügigkeit zu gratulieren.

Das jüngste Beispiel (der alten Herren): Bill Cosby, der bis vor kurzem wegen sexuellen Missbrauchs vor Gericht stand. Andrea Constand bezichtigt ihn, den sie laut eigener Aussage zuvor als Freund betrachtet hatte, sie zunächst mit beusst fälschlich als pflanzlich bezeichneten Pillen außer Gefecht und anschließend vergewaltigt zu haben.
Über 40 Frauen sind mit ähnlichen Vorwürfen gegen Cosby an die Öffentlichkeit gegangen, ohne dass sie gerichtlich gegen ihn vorgehen konnten. Der Grund: Verjährung. Dabei wird zum erneuten Male deutlich, dass die Annahme, Opfer sexueller Gewalt müssten entweder sofort nach dem Vorfall sprechen oder sonst für immer schweigen, nach wie vor wie das Damoklesschwert über vielen Köpfen baumelt.
Lili Bernard, ein weiteres Opfer von Cosby, die den Prozess aufmerksam verfolgte, berichtete, wie ihr während des Verfahrens treue Cosby-Fans vor dem Gerichtsgebäude vehement „liar“ ins Gesicht brüllten.
Der Prozess gegen Cosby, der aufgrund der fehlenden Einigung der Jurymitglieder als mistrial – also Gerichtsverfahren ohne Urteil – zunächst beendet wurde, könnte und sollte dennoch in seiner Symbolkraft und Wirkmächtigkeit dazu beitragen, dass der Umstand der Verjährung insbesondere in Hinblick auf sexuelle Straftaten überdacht wird. Und immerhin: Auch da wurde das End‘ vom Lied noch nicht gesungen.

Jian Ghomeshi.

Dominique Strauss-Khan.

You name him.

Im Abtreibungsgesetz Kentuckys kann man zudem auch nach wie vor lesen, dass ein_e Ärzt_in, die oder der eine Abtreibung vornimmt, vor oder 30 Tage nach dieser Abtreibung den Ehegatten informieren muss – ein Gesetz, dass einem mit seinem 60er-Jahre-Konservatismus so hart ins Gesicht haut, dass man plötzlich alles in schwarzweiß sieht.  Der Paragraph ist zwar seit 1982, als der Justizminister Kentuckys ihn als verfassungswidrig einstufte, nicht mehr anwendbar, strahlt jedoch, insbesondere in einem so konservativen Staat wie Kentucky, seine Symbolkraft weiterhin aus. Und eben darum geht es, immer wenn eine vor dem Recht seit Jahrhunderten benachteiligte Gruppe für ihre Rechte und gesellschaftliche Anerkennung kämpft, eben auch ganz stark: eine symbolische Anerkennung, die sich in den Köpfen verankern und in rechtliche Anerkennung wandeln kann.

Womit wir wieder in Louisville wären, wo tagtäglich weiße, ältere Herren – aber auch Frauen – das E.M.W. Women’s Surgical Center belagern und den ankommenden Frauen gerne mal spuckfauchend „Mörderin“ ins Gesicht schreien und mit den Feuern der Hölle drohen. Gott ist wieder ein Totschlagargument und Frauen wieder kindsmörderische Teufelswerkzeuge. Man werfe uns nicht vor, wir hätten in den letzten 800 Jahren nichts dazugelernt.
Nun darf und sollte jede_r ihre oder seine eigene Meinung haben – bei einer solchen Zurschaustellung fehlender Empathie, moralischer Selbstgefälligkeit, Intoleranz und Hass kommt es jedoch schon mal vor, dass man an eine Hölle wünschglaubt, die genau für solche Hassprediger_innen reserviert ist. Bis dahin sollten wir weiter fleißig an einem modernen Exorzismus arbeiten, den ich mir in etwa so vorstelle:

Vagina Imperata (hält ein Kondom in der rechten und eine Packung Anti-Baby-Pillen in der linken Hand): „Weiche, du Wüterich!“ (gesprochen in 26 Cunnilingi).

Das muss dann alle paar Jahre wiederholt werden, um auch richtig Wirkung zu zeigen.

Was soll uns – und vor allem den Frauen, die die letzte verbleibende Abtreibungsklinik in Kentucky aufsuchen – das sagen, wenn, wie auf einem Foto in der Online-Ausgabe der New York Times zu sehen bekommen, wie ein älterer, graubärtiger Herr mit Totschlag-Kruzifix und einem Schild vor der Klinik Wache schiebt, auf dem doch tatsächlich steht: „Abortion. An American Holocaust.“ Wir müssen uns verlesen haben.

Nein nein, der gute Herr hat sich verschrieben.

Wo anfangen mit der so verstörend krassen Falschheit dieser Un-Gebotstafel?
Nun ja, zunächst: Der Holocaust ist ein ausschließlich für den Völkermord der Nazis an über 6 Millionen Juden gebrauchter Begriff – der lässt sich nicht einfach so holter die polter auf Embryos übertragen.
Zweitens: Der Holocaust wurde überwiegend von Männern verübt – passt also auch nicht so ganz.
Und EIN Holocaust ist da auch nicht so ganz korrekt – es gibt DEN Holocaust, und der war nicht ‘amerikanisch’ (nicht alles muss aus Amerika kommen – andere amerikanische Grausamkeiten können wir jedoch gerne auf Anfrage zusammenstellen).
Da muss man sich schon am Kopf kratzen, bei so viel Geschmacklosigkeit, Geschichtsverdrossenheit, Unwissen und Frauenhass in einem – eine perfide Instrumentalisierung geschichtlicher Grausamkeit. Ein mögliches Gegenschild könnte da Abhilfe schaffen: „Misogyny. An American Pastime (of white old men and weird preachers from the olden days).“
Dazu kommt slut-shaming, Höllenversprechen, Gotteslästerungsvorwürfe, Bezichtigung des Mordes – Hexenlingo vom Feinsten.
Das massive Problem mit einer solchen, häufig dem Religiösen entspringenden Ansicht: Zu denken, dass, insbesondere in den USA, die in so vielerlei Hinsicht mittlerweile als Entwicklungsland eingestuft werden (Schere zwischen arm und reich, Kinderarmut usw.), Gott und Liebe schon alles richten werden, mag zwar eine nette Idee sein, hat jedoch noch nie gestimmt und vor allem noch keiner Frau in der Situation einer ungewollten Schwangerschaft irgendeine Abhilfe verschafft. Über privilegierte und/oder reiche Lippen scheint so etwas jedoch recht leicht zu kommen.

Ich wünsche mir eine offene, unvoreingenommen Diskussion, bei der auch Frauen – sei es aus persönlicher Erfahrung oder aus religiösen Gründen – gegen Abtreibung sein dürfen – sprich: selbst keine Abtreibung vornehmen wollen. Männer als Partner auch. Dabei müssen allerdings nicht nur zunächst Frauen an dieser öffentlichen Diskussion zugelassen werden, sondern auch jede_r verstehen, dass, sei man auch noch so sehr anderer Meinung, dieses Recht auf die Verfügung über den eigenen Körper und das eigene Leben zugestanden werden müssen – man vergesse nicht, dass dieses Recht in den USA nach wie vor in der Konstitution verankert ist.
Dass es im Angesichte eines so heiklen Themas nach wie vor Menschen wagen, ihre persönliche Meinung, ihre ‚Religionsfreiheit’ (ein besonders in den USA so über die Maßen missbrauchter Begriff, dass einem sofort Bilder inzestuöser Clans aus Utah im Kopf herumschwirren) über das Menschenrecht einer Frau zu stellen, meistens ohne dabei auch nur den leisesten Versuch zu wagen, deren Situation oder persönliches Motiv nachzuvollziehen, ist ein Unding, das diese Menschen als auch unser Mensch-Sein nicht von ihrer besten Seite zeigt. Dabei sollten wir nicht vergessen: Das Internet vergisst ja zum Glück nie, unsere Nachfahren oder sich zufällig auf die Erde verirrenden Aliens werden ihren Spaß beim Durchstöbern der digitalen Archive haben.
Nun kann man finden, dass all das alleine schon sein bitteres Geschmäckle hat. Es wird jedoch da interessant, wo es eigentlich gar nicht mehr wirklich um den Gesetzestext, sondern um seine perfide Untergrabung geht, und da hat man sich in Kentucky ganz besonders gewiefte Tricks einfallen lassen. Gesetzgebungen, die auf dem Papier in die Domäne des Baugesetzes fallen (zu enge Krankenhausflure beispielsweise), könnten letzten Endes darüber entscheiden, ob Frauen offenen Zugang zu einer korrekt und sicher durchgeführten Abtreibung erhalten oder gezwungen sind, den komplizierten und nicht selten gefährdenden Weg einzuschlagen – diese ist die choice, die anscheinend übrig bleibt, wenn man Gelder, Gesetzgebung und common decency abzieht.

Man kann Pro Life sein, das bedeutet jedoch, so wird zunehmend deutlicher, dass da eine klare Wertungen vorgenommen wird und das Pro für das eine Leben die Herabwürdigung des anderen bedeutet. Denn es ist doch so: Wer heutzutage das ‚Leben’ lediglich mit einem Herzschlag gleichsetzt, hat es noch nicht weit über den Materialismus hinausgebracht.

Es ist unfassbar, dass eine patriarchale Abendmahl-Partie – wie im Fall der Erlassung der global gag rule geschehen – über etwas bestimmen darf, dass sie nie erleben werden (müssen) und darüber wahrscheinlich auch mächtig froh sind – denn das ist ja der Unterschied, den viele, und insbesondere diese Herren so gerne vergessen: Die Frau, die schwanger ist, ohne es zu wollen, MUSS eine Entscheidung treffen. Es gibt nur wenige Situationen im Leben, in denen dies so unumgänglich der Fall ist wie bei einer Schwangerschaft. Die Frau kann sich eben nicht einfach zurücklehnen und die Augen verschließen – das würde neun Monate später zu einer bösen Überraschung führen.
Da scharen sich weiße, reiche Herren (und Steve Bannon, dessen Erscheinung Frank Bruni einst in einem Artikel für die New York Times herrlich treffend als ein „zu Fleisch gewordener Flohmarkt“ bezeichnete) um Trump und schauen ihm dabei zu, wie er seine Unterschrift unter ein Dokument setzt und damit den Rechten von Frauen in Entwicklungsländern an die Gurgel geht (hier kann man sich beeindrucken lassen). Das ist wie ‚Wo ist Walter?‘ für Gleichberechtigung und die moderne Version des letzten Abendmahls zugleich.

Worin besteht diese ‚Verklärung’, diese totale Erhebung ‚ungeborenen Lebens’? Symbolisiert sie eine Sehnsucht nach Besserung, nach Neuerung? Die Idee, dass die Unschuld eines Neugeborenen die Welt ein Stückchen besser machen kann, Geburt für Geburt? Zu viele derzeitige am Hebel der Macht und in der Öffentlichkeit stehende Personen haben mich stark vom Gegenteil überzeugt.
Ich bin mir sicher, dass, wenn man Probleme wie Armut, Bildung, häusliche Gewalt, mangelnde sexuelle Aufklärung (auch insbesondere in den USA, wo lediglich 3 von 50 Staaten dazu verpflichtet sind, Sexualkunde in der Schule zu unterrichten) und Überfluss an sexueller Verklärung endlich angehen würde, würde auch die Zahl jener Frauen sinken, die überhaupt eine Abtreibung in Anspruch nehmen müssen.
Wie eine der vielen extrem erhellenden Studien des Guttmacher Institutes zeigt, steht der Rückgang der Schwangerschaftsabbrüche 2016 in den USA in direktem Zusammenhang mit dem besserem Zugang und Einsatz von Verhütungsmitteln. Das mag einem über die Maßen logisch vorkommen, muss wohl aber zunächst erst kugelsicher belegt werden, damit auch diejenigen, die – man wird es nie richtig fassen und sich immer mal wieder die Haare darüber raufen werden – zwar nicht viel vom Ursache-Wirkungs-Konzept, jedoch trotzdem die gesetzlichen Fäden in der Hand halten, vielleicht oder vielleicht auch nicht endlich die Waffen ruhen lassen.

Eine Abtreibung ist ein unangenehmer, inversiver und häufig mit Scham verbundener Eingriff, den die meisten Frauen, sofern sie über das Wissen und die Mittel verfügen, verhindern könnten und meistens auch wollen. Es hilft jedoch herzlich wenig, hätte, sollte oder könnte anzuführen – Dinge, die geschehen sind, lassen sich nicht rückgängig machen. Manches geht zum Glück vorbei oder nimmt mit der Zeit wieder ab, wie Selbstbräuner, Zahnbleaching oder eine Magen-Darm-Grippe – eine Schwangerschaft gehört nicht zu diesen Dingen und der erhobene Zeigefinger ist hier kein Lösungsvorschlag, sondern eine obszöne Geste.
Selbst wenn der Grund lautet: Es hat nicht gepasst. Und hier kommt der schwierige Teil: Wie rechtfertigt man sich vor all den Stimmen, die einem sofort im Kopf herumschwirren (oder im schlimmsten Fall ins Gesicht schreien), warum man denn, wenn es gerade nicht ‚gepasst hat’, nicht besser aufgepasst hat (wie wir gesehen haben, in manchen Fällen gefolgt vom so sicher wie die Flinte im Handschuhfach des LKW-Fahrers in Kentucky herannahenden Höllenfeuer).

Tja, warum?

Weil das Leben eben kein Rationalistikum, sondern ein Zirkus ist – seit der Aufklärung – einer den Rechten der Männer verschriebenen Revolution, die Frauen mussten, wie die frühe Frauenrechtlerin Olympe de Gourges es Ende des 19. Jahrhunderts schon eindrucksvoll bemängelte, auf ihre égalité vor dem Gesetz noch ein wenig warten – reden wir uns gerne ein, dass wir als rationale Wesen alles fassen, klassifizieren, verstehen, vorhersagen und bei schlechten Aussichten verhindern können; die Narren sind jedoch diejenigen, die nicht verstehen, dass wir uns selbst einreden, dass das Verstehen unsere Legitimation ist (klappt nicht bei jedem so einwandfrei).
Und weil, wenn zwei Menschen sich lieben (oder auch einfach nur oberaffengeil finden), Sex gerne auch mal ungeplant und unübersichtlich abläuft und Kommunikation dabei zwar wichtig, aber nicht immer leicht ist. Insbesondere wenn man jemandem vertraut, lassen sich Bedenken bezüglich einer Schwangerschaft leicht verdrängen, von beiden Seiten. Umso schlimmer für die Frau, wenn das Vertrauen ein falscher Vorschuss war.
Alle Vorwürfe der Welt vonseiten der Sittenwächter (auch diese: in schwarzweiß) helfen da nicht viel – was wäre denn die zwangsläufige Konsequenz aus dem ‚eine-Sache-Durchziehen-weil-man-nicht-besser-aufgepasst-hat’? Es geht um ein Kind. Ein KIND. Das ist nichts, was man nach ein wenig Scham und Herzschmerz flink in die Kategorie der Fehler, aus denen man gelernt hat, steckt und dann, nun ja, einfach weitermacht. Das ist die Hölle für die nächsten mindestens 18 Jahre – auf das Höllenfeuer, auf das Möchtegern-Prediger vor Abtreibungskliniken, braucht man dann schon gar nicht mehr zu warten.

Man stelle sich die Situation vor, in der eine Frau, die bereits weiß, dass sie einen Schwangerschaftsabbruch vornehmen wird, per Gesetz dazu VERPFLICHTET ist, einem Arzt, der ihr den GESETZLICH VERPFLICHTETEN Ultraschall verpasst, dabei zuzuhören, wie er ihr Dinge erzählt, die die Situation für sie schwieriger machen, ohne dass sich an den Umständen, aus denen heraus sie sich für eine Abtreibung entschieden hat, in einem Arztzimmer irgendetwas zu ändern wäre. Wie dürfen wir uns das Zustandekommen einer solchen Gesetzgebung vorstellen? Kleine Trivia: Die Frau darf sich die Ohren zuhalten und die Augen schließen, falls sie das Ganze nicht hören und sehen will.

All dies ist so offensichtlich unfassbar und verdreht, dass eigentlich gar niemand erst auf die Idee kommen dürfte, jene, die diese absolut vertrackte Situation, in der Männer die Macht haben, Frauen weltweit Abtreibungen und Verhütungsmittel zu verwehren, mehr als wütend macht, als Männerhasser_innen, Schlampen oder ‚man eater‘ bezeichnen zu dürfen.
Und dennoch: 2009 bezeichnete Schreckgespenst Rush Limbaugh Sandra Fluke, die in einer Rede vor Mitgliedern der Demokrat_innen für eine Bezahlung der Anti-Baby-Pille durch die Krankenkassen plädiert hatte, in seiner Talkshow öffentlich als „Schlampe“ und „Prostituierte“.

2015 titelte das furchteinflößende Draco Malfoy
Double Milo Yiannopulos, alt-right-Ritter und Bizarro, fröhlich und mittelalterlich auf Breitbart, einer der fragwürdigsten Ausgeburten aus Trumps Kreisen, dass Verhütung Frauen „verrückt“ und „unattraktiv“ mache.
Man lasse es sich auf der Zunge zergehen wie verdorbene Milch: Solchen Männern räumt man hohe Positionen bei ‚Nachrichtenportalen’ und im Fernsehen ein – zwei Medien, die wesentlich zur Meinungsbildung (anscheinend insbesondere jener von Trump) und, besonders in diesem Fall, Stimmungsmache beitragen.
Wer als Frau im „mächtigsten Land der Welt“, der Nation, die nicht müde wird, sich als Verfechter der freien Welt zu stilisieren, anno 2017 (wieder) für das Recht auf körperliche Unversehrtheit und Selbstbestimmung kämpfen muss, ist zu Recht stinksauer. Und hat sich das Wort „slut“ glücklicherweise längst schon zu eigen gemacht. Auf dass sie und wir niemals müde werden.

Wir können es uns natürlich auch einfach machen und den Worten von Yiannopoulos, dem Kenner aller Frauen, Glauben schenken: „Tossing out birth control isn’t just kinder to women, it may be the only way to save civilisation. Sorry, no offence, but it’s true. And hey! It’s what God wants, too.“

Stellt sich die Frage, ob einige Elemente unserer ‚Zivilisation‘ denn so unbedingt gerettet werden sollten. Amen.

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